Honigmund und Glitzerstab

Silke liebte lange Spaziergänge an lauen Sommerabenden. So war sie auch an diesem Tag erst kurz nach Einbruch der Dunkelheit zu ihrem Lieblingsweg aufgebrochen, den sie wie ihre Westentasche kannte. Tief in Gedanken versunken ging sie immer weiter, bis ihr die Gegend plötzlich fremd vorkam. Rasch sah sie sich um und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass sie sich auf einer ihr unbekannten, nach Kräutern duftenden Wiese neben einem kleinen, kreisrunden Teich befand, in dessen Mitte große Seerosenblätter schwammen.

„Wo bin ich nur? Und … wie bin ich hierher geraten?“ fragte sich die hübsche, junge Frau mit dem langen, kastanienbraunen Haar verwundert, während sie langsam aufstand. Dabei fiel ihr auf, dass sie keinerlei Angst verspürte, obwohl sie keine Ahnung hatte, was mit ihr geschehen sein mochte – ganz im Gegenteil fühlte sie sich auf eine seltsame Weise beschwingt und höchst zufrieden.
Während sie langsam über die Wiese auf einen nahen Wald zuging, stellte sie rasch fest, dass dies wohl die bemerkenswerteste Landschaft war, durch die sie je gewandert war: Auf dem sternklaren Nachthimmel standen gleichzeitig ein zunehmender und ein abnehmender Mond, die das gesamte Land in ein sanftes, silbriges Licht tauchten. Kindsgroße Fledermäuse schossen knapp über den Baumwipfeln dahin und machten Jagd auf leise zirpende Glühwürmchen. Die Sträucher trugen gleichzeitig Knospen und Früchte, manche von ihnen hatten sogar zweierlei Blüten. Silke rieb sich verwundert die Augen, als ein kleiner Baum seine Wurzeln aus der Erde zog und einige Schritt weit stakste, um sich an einem feuchteren Plätzchen niederzulassen.

Während der nächsten Stunde kam sie nicht aus dem Staunen heraus, bis sie schließlich durch leise Musik zu einer großen Lichtung gelockt wurde, in deren Mitte sich eine Festgesellschaft um ein loderndes Lagerfeuer versammelt hatte.
„Ein Elbenfest!“ schoss es ihr sogleich durch den Kopf, als sie die anmutigen, feingliedrigen Gestalten sah, die zum zarten Klang von Harfen und Lauten eine beschwingte Melodie sangen. Im Hintergrund saßen mehrere, in schimmernde Rüstungen gehüllte Ritter auf schneeweißen Einhörnern und hielten Wache. Neugierig näherte sich Silke, bis der Gesang unvermittelt abbrach und sanfte, wohl tönende Stimmen erklangen.

„Sei gegrüßt, Besucherin aus den Menschenlanden! Setze dich zu uns und feiere mit uns diese herrliche Mittsommer-Nacht!“ riefen die Sänger und winkten sie freundlich heran. Durch die überirdische Schönheit der alterslosen, ebenmäßigen Gesichtszüge der Elben ein wenig verunsichert trat sie zögerlich näher, bevor sie sich schließlich doch in ihrem Kreis niederließ. Gleich darauf wurde ihr ein verzierter Kelch gereicht, in dem sich eine schäumende Flüssigkeit befand. Ein betörender Duft stieg aus ihr empor, welcher die gesamte Kraft und Herrlichkeit des Sommers in sich zu tragen schien. Schon der erste Schluck verzauberte sie mit einem unvergleichlichen Geschmack.

„Wie der Kuss von einem Honigmund …“ flüsterte sie verzückt, während sie die Augen schloss und sich dem wohligen, warmen Gefühl hingab, das sich sogleich in ihrem Kopf und ihren Gliedern ausbreitete. Das restliche Fest verging in einem köstlichen Rausch, in dem sie im Reigen der Elben von einem zum anderen tanzte.
Erst als es zart zu dämmern begann und sich schon die ersten Tropfen des Morgentaus auf Blättern und Grashalmen zeigten, verneigte sich die Älteste der Elben lächelnd zum Abschied. Dann zog sie einen mit einem funkelnden Edelstein besetzten Stab aus den Tiefen ihrer Robe und zeichnete mit ihm eine vielfältig verschlungene Form, die für einen Augenblick sichtbar blieb, als wäre Glitzerstaub in der Luft erstarrt. Gleich darauf waren sie und die Anderen, ja auch ihre Wächter auf den Einhörnern und der gesamte Wald verschwunden.

Verwirrt blinzelte Silke mehrmals, um den leichten Schwindel zu vertreiben, der sie befallen hatte. Als ihr klar wurde, dass sie sich wieder auf ihrem vertrauten Weg befand, seufzte sie mit leichtem Bedauern: „Wie schade … da muss ich wohl mit offenen Augen geträumt haben.“
Die Erinnerung an den Kuss des Honigmunds ließ sie aber gleich darauf versöhnlich lächeln – denn zumindest diese würde ihr ja bleiben …

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  • Herzlichen Dank an UrsusPisis für die zauberhafte Geschichte!

    Ich finde, für Märchen ist man nie zu alt. Und aus nur ein paar Stichwörtern eine ganze Fantasiewelt zu bekommen, ist schon etwas ganz Besonderes. Ich tauche immer wieder gerne in meine eigene Elbenlandschaft ein und finde, die Märchen on demand sind auch eine fantastische Geschenksidee.

    Herzlichen Dank an UrsusPisis für die zauberhafte Geschichte!

  • Das war schön...

    Meinung eines kl Mädchens:
    Die Geschichte war sehr toll. Ich fand die Fee mit ihrem Zauberstab am schönsten. Ich habe auch einen Zauberstab, doch leider kann ich mit ihm nicht soll einen Glitzerstaub erzaubern. Meine Fee heißt Flügel. Ich freue mich schon auf die nächte Geschichte.
    glg
    Marlene